„Ohne die Wehrhahn-Linie hätte sich Düsseldorf nicht so schnell und so großartig entwickelt“

Ortstermin Wehrhahn-Linie, Düsseldorf

Andrea Blome und Wolfgang Wassmann im U-Bahnhof Benrather Straße
Ein Gespräch mit Andrea Blome, der damaligen Leiterin des Düsseldorfer Amts für Verkehrsmanagement, und Wolfgang Wassmann, Geschäftsführer Schüßler-Plan, über die Frage, wie man stadtverträglich baut, und die Kunst, einen Eisblock in einen Bahnhof zu verwandeln


Frau Blome, wenn Sie den Begriff Wehrhahn-Linie hören, woran denken Sie als Erstes?
Andrea Blome: An das Ergebnis. Die großartigen Bahnhöfe. An die intensive, fast familiäre Zusammenarbeit von Bauherrin, Ingenieurbüros und Baufirmen – das war ein unglaublicher Zusammenhalt.
Wolfgang Wassmann: Ich mache seit 25 bis 30 Jahren Großprojekte. Bei diesem Projekt ist etwas Seltenes gelungen: von Anfang an einen Teamspirit zu haben.

Wie haben Sie das geschafft?
Andrea Blome: Einmal war es eine Grundeinstellung, die ich selbst zu dem Projekt hatte. Ich musste mich in das Thema hineinkämpfen, weil ich neu im Amt war und die Arbeit an dem Projekt schon begonnen hatte. Ich bin Architektin. Da hieß es natürlich gleich: Die ist ja nicht mal Bauingenieurin.
Wolfgang Wassmann: Als feststand, dass Andrea Blome die Amtsleitung übernehmen würde, waren wir auf einer Tagung, wo es eine große innerstädtische Baugrube gab. Ich sagte zu Frau Blome: Lassen Sie uns das mal gemeinsam anschauen. Vor Ort staunte sie: Was? Das soll alles nach Düsseldorf? So viel Dreck? Damit hatten wir die Thematik stadtverträgliches Bauen direkt auf dem Tisch.
Andrea Blome: Für uns war maßgeblich, dass wir den Bau nicht nur im Zeit- und Kostenrahmen hinbekommen, sondern auch so, dass es stadtverträglich abläuft und man den Wirtschaftsstandort Düsseldorf auf keinen Fall gefährdet. Das musste ja alles weiterlaufen: die Geschäfte, der Verkehr. Das war am Anfang nicht einfach. Viele haben gedacht, ich bin so eine typische Bauzauntante, weil ich immer gesagt habe, ich will das ordentlich. Ich will keine blauen Wasserrohre oberirdisch und keine dreckigen Bauzäune. Ich will das geordnet. Ich will, dass die Geschäftsleute weiterarbeiten können und die Kunden in die Läden kommen.
Wolfgang Wassmann:Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass es für die Anlieger Ansprechpartner gab. Ein einfaches Beispiel: Da stellt jemand einen Bauzaun vor deine Tür. Wo gehst du hin? Der Bauleiter hat im Zweifel keine Zeit. Das Team von Ansprechpartnern sorgte dafür, dass die Arbeiten stadtverträglich über die Bühne gingen. Das führte letztlich zu der guten Presse und der Akzeptanz in der Öffentlichkeit.

Eine spektakuläre Großbaustelle mitten in der Stadt – ist das für eine Stadtplanerin die größte aller Herausforderungen?
Andrea Blome: Sie stadtverträglich zu machen, ist tatsächlich eine große Aufgabe. Man muss vieles beachten, vor allem, dass es immer um Menschen geht. Deshalb haben wir nicht nur frühzeitig ein Anliegermanagement installiert, sondern auch ein Entschädigungsmanagement. Wir haben, anders als üblich, zwischendrin Entschädigungszahlungen geleistet. Kleinere Läden hätten sonst wahrscheinlich nicht überlebt. Aber noch einmal zu den Bauzäunen: Wir hatten letztendlich die schönsten, die es gibt. Und etliche Interessenten, die sie als Werbefläche nutzen wollten. Der damalige Oberbürgermeister entschied, dass auf die Zäune schöne Bilder aus der Stadt gehören. Resultat: Viele Menschen kamen, nur um sich unsere Bauzäune mit den Bildern anzuschauen. Das muss man sich mal vorstellen!

Was hat Sie angetrieben, Frau Blome, nicht nur eine U-Bahn-Linie quer durch die Stadt zu bauen, sondern Künstler ins Boot zu holen, die die Bahnhöfe gestalten?
Andrea Blome: Dem lag der Gedanke zugrunde, dass Düsseldorf eine Kunst- und Kulturstadt ist. Klar, eine U-Bahn bringt Verkehrsqualität und Sicherheit, und sie hat andere Kapazitäten als eine Straßenbahn. Aber was ist ihr Mehrwert darüber hinaus? Dazu hat man sich in Düsseldorf viele Gedanken gemacht. Wenn ich schon unten baue, sagte man sich, soll dort eine besondere Aufenthaltsqualität entstehen. Nicht diese alten dunklen U-Bahnhöfe aus den 70er-Jahren mit Edelstahlgeländern, deren wesentlicher Vorzug darin besteht, pflegeleicht zu sein. Mit den U-Bahnhöfen sollte die Kulturstadt Düsseldorf bereichert werden. Das ist in hohem Maße gelungen.
Wolfgang Wassmann:Die Wehrhahn-Linie hat Preise gewonnen!
Andrea Blome: Wir haben es bis in die USA geschafft. Die New York Times hat über unsere U-Bahnhöfe berichtet. Die Besonderheit war, dass wir die Künstler von Anfang an, in einer sehr frühen Planungsphase, miteinbezogen haben.
Wolfgang Wassmann: Wobei es für die Architekten und Ingenieure eine hohe Kunst war, diese freigeistigen Menschen einzufangen. (lacht)
Andrea Blome: Ich erinnere mich an eins der ersten Gespräche mit meinem Projektleiter. Er sagte: Frau Blome, damit eins klar ist, wenn das im Rohbau fertig ist, möchte ich mit den Künstlern nichts mehr zu tun haben! So sind wir gestartet. Und dann haben die sich alle zusammengefunden. Es ist, fast möchte ich sagen: eine Liebe geworden. Ich persönlich hatte eher die Sorge, dass einer der Künstler aussteigt. Es ist ein weiter Weg von einem bunten Bild bis zu einer Fassade, die allen statischen, brandschutztechnischen und revisionssicheren Konzessionen entspricht.

Sie waren, Frau Blome, jede Woche auf der Baustelle. Warum?
Andrea Blome: Wir sagten uns: Kurze Wege, schnelle Entscheidungen. Das hat das Vertrauen des Projektteams enorm befördert, dass ich jede Woche für Fragen zur Verfügung stand und wir vor Ort schnelle Entscheidungen treffen konnten.
Wolfgang Wassmann: Das hatten wir bei noch keinem anderen Projekt: Dass die Auftraggeberin, die Leiterin des Amtes, mindestens einmal pro Woche ins Projektbüro kam und für alle als Ansprechpartnerin da war. Jeder Donnerstag, wenn sie kam, war durchgetaktet. Zu den Treffen kamen die Projektleiter oder auch die Verantwortlichen der Baufirmen, sodass man übergeordnete Themen besprechen konnte. Das hat viele Konflikte im Vorfeld vermieden. Alle waren immer gut informiert. Es war ja nicht so, dass es keine Konflikte gegeben hätte. Aber die sind in dem sehr kleinen Team, Heinrich-Heine-Allee, erste Etage, gelöst worden.
Andrea Blome: Wir haben – auch das ist besonders – partnerschaftlich mit den Bauunternehmen zusammengearbeitet. Wenn ein Problem auftaucht, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man streitet darüber, wer es verursacht hat und zahlen muss. Wir haben uns für den anderen Weg entschieden, sind das Problem technisch angegangen, haben uns mit den Ingenieurbüros an einen Tisch gesetzt. Am Bahnhof Schadowstraße gab es einmal ein unplanmäßiges Ereignis, sodass in der Nacht sogar der Bilfinger-Chef kam. Ich habe gesagt, obwohl ich persönlich zur Lösung des Problems nichts beitragen kann, bleibe ich hier solange sitzen, bis weißer Rauch aufsteigt. Das sind wichtige Signale, die ein Team zusammenschweißen.

Herr Wassmann, was war aus ingenieurtechnischer Sicht das Anspruchvollste?
Wolfgang Wassmann: Rein technisch: die Unterfahrung des Kaufhofs an der Kö. Der Kaufhof ist ein altes Gebäude mit einem Untergeschoss. Und da drunter sollte der Bahnhof. Wir haben in Düsseldorf das Problem, sandige Böden zu haben, also keine Felsen, nichts, was Standsicherheit garantiert. Wenn Sie ein Loch graben, rieselt das zusammen, wie am Strand. Wie wurde das gelöst? Im ersten Schritt wurde der Sand feucht gemacht. Damit er Lasten standhält, vereist man den feuchten Boden, macht einen Eisklotz daraus. In den gefrorenen großen Klumpen kann man dann wie in einen Felsen Löcher bohren, und in diese Löcher baut man den Bahnhof. Steht dessen Betonstruktur, wird der Eisklumpen langsam aufgetaut.
Andrea Blome: Das war eine 15 Meter hohe Halle aus Eis. Unglaublich.  
Wolfgang Wassmann: Um die spätere Bahnhofskontur herum wurden fast 80 Meter lange Lanzen in den Baugrund gebohrt. Durch diese Frostkörperlanzen zirkulierte ein Gefriermittel, das kontinuierlich auf circa minus 35 Grad Celsius heruntergekühlt wurde. So entstand der Eiskörper. Die Herausforderung bei dem Vorgehen ist das Vereisen. Wenn du einen Boden vereist, dehnt er sich aus, und dann kann sich der Kaufhof etwas heben. Es wurden sehr aufwendige Vermessungsverfahren durchgeführt, um zu erkennen, ob es Umformungen oder sogar einen Schaden geben könnte.

Gab es einen?
Wolfgang Wassmann: Nein. Wie immer im Leben: Für spektakuläre Maßnahmen wird ein sehr aufwendiges Monitoring veranlasst, und alle sind sehr aufmerksam in der Umsetzung. Da passiert fast nie etwas.

Wie wichtig war – und ist – die Wehrhahn-Linie für Düsseldorf?
Andrea Blome: Die Wehrhahn-Linie war für die dynamische Stadtentwicklung entscheidend. Bis heute finden Sie entlang der Strecke, wo früher die Straßenbahn fuhr, zahlreiche Hochbaubaustellen. Das bedeutet: Der private Markt hat großartig auf das Projekt reagiert – weil dadurch eine Aufwertung stattfand. Mit der Wehrhahn-Linie wurde ein Milliardenumsatz erzeugt. Düsseldorf hätte sich nicht so schnell und großartig entwickelt, wenn das Projekt Wehrhahn-Linie nicht realisiert worden wäre.

Welcher der künstlerisch gestalteten Bahnhöfe gefällt Ihnen am besten?
Andrea Blome: Früher der Graf-Adolf-Platz, wegen der grünen Glaswände. Heute mag ich sie alle: Die Schadowstraße mit den großen grauen Platten – wunderbar. Oder der Verknüpfungsbahnhof an der Heinrich-Heine-Allee.
Wolfgang Wassmann: Der Schadowplatz ist für mich am spannendsten. Aus einem einfachen Grund: Die Haltestelle war fast fertig, als man mit der Bitte auf uns zukam, das Ganze aus stadtgestalterischer Sicht noch einmal zu überdenken. Dass wir die Front des Kö-Bogens II auf den Bahnhof stellen wollten, erschien manchen als eine Ungeheuerlichkeit. Im Nachhinein sind alle froh, dass wir das so gemacht haben. Diese Ecke ist auf jeden Fall für mich ein Highlight der Linie.

Würden Sie heute irgendetwas anders machen?
Andrea Blome: Ich würde alles ganz genauso machen.
Wolfgang Wassmann: Dem stimme ich zu. Alles genauso. Vielleicht ein kleines bisschen besser. (lacht) Wenn ich nur wüsste, wie!

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