„Eine solche Brücke gibt es auf der Welt kein zweites Mal“

Ortstermin Max-Gleissner-Brücke, Tirschenreuth

Franz Stahl (li.) und Wolfgang Strobl
Ein Gespräch mit Franz Stahl, Bürgermeister von Tirschrenreuth, und Wolfgang Strobl, Geschäftsführer Schüßler-Plan, über die Max-Gleißner-Brücke, das Abenteuer ihrer Entstehung und das neue Herz der Stadt


Herr Stahl, auf der Website von Tirschenreuth findet sich eine Liste mit zehn Dingen, die man in der Stadt „unbedingt gesehen oder gemacht haben muss“. Nummer eins: „die Spannbandbrücke überqueren“. Warum?
Franz Stahl: Weil die Brücke genial ist! Es gibt bei uns eine Zeitrechnung. Nicht vor und nach Christus, sondern vor und nach der Gartenschau im Sommer 2013. Wir haben hier eine besondere historische Situation: Bis 1808 war Tirschenreuth von 200 Hektar Wasser umgeben. Wir waren eine Insel, wurden das „Konstanz Bayerns“ genannt. 1808 wurde das Wasser aus wirtschaftlichen Gründen abgelassen. Die Fischhofbrücke, die Sie dort hinten sehen, stand daraufhin 200 Jahre im Trockenen. Nun, die trockenliegenden Flächen haben sich im Lauf der Zeit, um es abgekürzt darzustellen, nicht positiv entwickelt. Und dann gab es eben den Max Gleißner, den Namensgeber der Spannbandbrücke.

Gleißner war ein lokaler Historiker, richtig?
Franz Stahl: Er war hier Gymnasialprofessor und Vorsitzender des historischen Arbeitskreises. Schon in den 1970er-Jahren entwickelte er die Idee: Zwar können wir nicht die 200 Hektar Wasser, die es früher gab, wiederbeleben. Aber man sollte die Vergangenheit zumindest ins Bewusstsein zurückholen. Meine Idee war dann folgende: Wir führen eine Gartenschau durch und gestalten dafür das brach liegende Areal neu. 2006 bewarben wir uns. Am 13. April 2007 war die Vergabekommission hier. Sie war von unserem Konzept – dem sechs Hektar großen Stadtteich und der Parklandschaft, dem heutigen Fischhofpark – so überzeugt, dass wir den Zuschlag bekamen.

Welche Rolle spielte die Brücke in dem Konzept?
Franz Stahl: Die Spannbandbrücke war ein wesentlicher Teil der Planungen. Als Verbindung vom Fischhof, wo heute das Amtsgericht ansässig ist, über den Platz, auf dem wir gerade sitzen, bis in die Altstadt. Sie ist exakt so, wie wir sie haben wollten. Und weil sie so besonders ist, wollten wir sie nicht einfach Spannbandbrücke nennen. Und da ist mir halt der Max Gleißner eingefallen, der leider 1993 verstorben ist und das Ganze nicht mehr miterleben konnte. Als ich noch kein Bürgermeister war, hat der Max oft zu mir gesagt: Wenn es einer umsetzen kann, die historische Situation mit dem Wasser wiederaufleben zu lassen, dann du! (lacht)

Herr Strobl, ist die Brücke auch aus Ihrer Sicht genial?
Wolfgang Strobl: Sie ist einzigartig. Ein Unikat. Diese Kombination aus Spannband und Holzbrücke gibt es europaweit sonst nirgends.
Franz Stahl: Die gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal.

Wie entsteht etwas so Einmaliges?
Wolfgang Strobl: Das ist immer das gleiche Grundkonzept: Ein Architekt und ein Ingenieur treffen sich auf Augenhöhe. Ausgangspunkt war die Frage: Was ist der Sinn des Bauwerks? Das Gelände hier war der Hinterhof von Tirschenreuth.
Franz Stahl: Das kann man so sagen.
Wolfgang Strobl: Wir wollten es aufwerten. Indem wir eine Direktverbindung über den neu angelegten See von der Stadtmitte bis zum Amtsgericht gestalten. Dann stellte sich eine zweite Frage. Denn das Thema der Gartenschau lautete „Natur in Tirschenreuth“. Wie kann man mit einem Bauwerk ein Statement für die Natur abgeben? Da wurde relativ schnell klar, dass nur eine Holzbrücke in Frage kommt. Der dritte wichtige Aspekt: Wir wollten mit der Querung so wenig wie möglich die Sicht einschränken, weder unter der Brücke noch über ihr – am liebsten nur ein Band, komplett stützenfrei. Das ist mit dem Werkstoff Holz schwierig. Es ist nicht der erste Baustoff der Brückenbauer. Vor allem, wenn es um größere Spannweiten geht. Normal sind 15 Meter die Grenze, sonst wird die Bauhöhe zu hoch und man bekommt ein massiges Bauwerk. Bei kurzen Spannweiten braucht es in der Regel viele Stützen, und die wollten wir ja nicht. Also, klassischer Zielkonflikt. Wir wollten alte Materialien – in diesem Fall Holz – so verwenden, dass daraus ein Statement für die Natur wird. Und zugleich die Aussage: Die Brücke ist im 21. Jahrhundert entstanden, ein modernes Bauwerk.

Wenn man sie sich anguckt, hat man den Eindruck, sie ist federleicht, sie schwebt.
Wolfgang Strobl: Genau. Das Tragwerk, das am wenigsten in Erscheinung tritt, ist ein Spannband. Wir verwenden zwei Stahlbänder als primäres Tragwerk. Das Brückendeck, die Holzkonstruktion, hat ebenfalls tragende Wirkung. Holz ist hier nicht nur Belag, sondern, im Gegenteil, es ist konstruktiv. Es trägt quer und steift aus.
Franz Stahl: Als die Brücke fertig war, haben wir sie getestet. Wir haben Schulklassen drüber gehen lassen. Für die Jugendlichen war das der Gag: Sie liefen im Gleich- und Gegenschritt über die Brücke. Und da hat man dann schnell gemerkt: Es gibt gewisse Schwingungen. Weshalb wir nachträglich Dämpfer eingebaut haben.
Wolfgang Strobl: Das ist bei Fußgängerbrücken immer so. Man kann im Vorhinein nie präzise berechnen, mit welchen Schwingungen man zu tun hat. Da spielen so viele Dinge mit – interne Dämpfungen und Reibungen –, die sich in einer Simulation nicht erfassen lassen. Man schätzt es vorher ab, und sobald man erkennt, dass man Gefahr läuft, den Komfortbereich zu verlassen, ist es geboten, etwas zu unternehmen. Die Dämpfer waren von vornherein vorgesehen. Für den Einbau benötigten wir aber präzise Messergebnisse.
Franz Stahl: Noch eine Bemerkung zu der historischen Situation. Es gibt 4.000 Teiche in der Umgebung, vor allem für die Karpfenzucht, die bei uns eine jahrhundertelange Tradition hat. Man nennt unseren Landkreis auch „Land der 1.000 Teiche“. Die mit Holz verkleideten Gebäude, die Sie ringsherum sehen, sind den so genannten Fischkästen nachempfunden, in denen die Fische entschlammt werden. Die Brücke hat uns auch deswegen so gut gefallen, weil die Holzpfeiler an Binsen erinnern, die hochgewachsenen Pflanzen, aus denen man früher Fischkörbe herstellte. Das Wiegen der Binsen im Wind!

Jetzt werden Sie poetisch.
Franz Stahl: Oh ja, das hat hier alles einen poetischen Hintergrund. (lacht)

Als Sie die Brücke Ihren Bürgern erstmals präsentiert haben, Herr Stahl, wie kam sie an?
Franz Stahl: Zunächst einmal musste ich sie dem Stadtrat präsentieren.Wir haben in Tirschenreuth 20 Stadträte, mit mir sind es 21. Es war eine hochdramatische Sitzung, als abgestimmt wurde, ob die Brücke gebaut wird. Erinnern Sie sich, Herr Strobl?
Wolfgang Strobl: Und ob. Es gab alle Arten von Einwänden: Viel zu teuer! Oder: So groß ist der Umweg um den See herum doch gar nicht. (lacht)
Franz Stahl: Ich habe mich tief in die Materie hineingekniet. Und dann wurde der Bau mit einer Stimme Mehrheit angenommen. Aber wissen Sie, was interessant ist? Später sagte mir ein Fraktionskollege, der damals gegen den Bau gestimmt hat: Es wäre ein großer Fehler gewesen, wenn wir sie nicht gebaut hätten. Würden wir heute darüber abstimmen, wir hätten eine breite Mehrheit.

Der Sieg der Poesie über die Finanzen.
Franz Stahl: Sie sagen es! Das war damals hoch emotional.
Wolfgang Strobl: Die Sitzung war dramatisch. Und der Bau der Brücke ein echtes Abenteuer.

Warum?
Wolfgang Strobl: Im Brückenbau greift man gerne auf bewährte Lösungen zurück. Hier dagegen haben wir ein Unikat. Alles war maßgefertigt zu lösen. Von der Befestigung der Holzbohlen auf dem Spannband bis hin zu Überlegungen hinsichtlich des Korrosionsschutzes, denn Edelstahlschrauben vertragen sich grundsätzlich nicht mit schwarzem Stahl. Das waren im Detail sicherlich 100 Lösungen, die wir finden mussten. Jeden Tag eine neue Herausforderung, auf die es keine Standardantwort gab. Aber weil Ingenieure und Architekten auf Augenhöhe zusammengearbeitet und miteinander Lösungen entwickelt haben, war es ein tolles Erlebnis. Ein Abenteuer – im positiven Sinn. Die Möglichkeiten, die wir hier hatten, hat man nicht allzu oft. Gewöhnlich machen wir uns das Leben mit überbordenden Vorschriften schwer, die die Kreativität massiv einschränken.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wolfgang Strobl: Da war zum Beispiel die Frage: Wie machen wir das Geländer? Ein normales Geländer ist nicht möglich, weil die Brücke sich bewegt. Ein starrer Geländerholm würde horizontal ausknicken. Die Lösung waren die vertikalen Pfosten komplett ohne Handlauf. Wir wollten die Pfosten nicht nur wegen der Transparenz. Wir wollten auch, dass man das Holz anfasst, dass man ein haptisches Erlebnis hat. Außerdem ist es Lärche aus der Region, man hat also einen weiteren regio-nalen Bezug mit Blick auf das Thema Natur. In Berlin hätten wir diese Konstruktion ohne Handlauf niemals umgesetzt gekriegt. Die Stadt Tirschenreuth dagegen hat als Bauherr alles wunderbar mitgetragen.
Franz Stahl: Es war eine mutige Entscheidung. Aber ich war auch 180-prozentig davon überzeugt.

Eine Gartenschau ist irgendwann vorbei. Was geschah danach mit dem Gelände?
Franz Stahl: Früher, vor der Gartenschau, hatten wir vier bis fünf Stadtführungen pro Jahr. Heute sind es 200. Früher hatten wir eine Mitarbeiterin, die sich um Tourismus kümmerte. Heute haben wir sieben. Die Emotionalität der Menschen war damals sofort zu spüren. Die Bürger merkten instinktiv: Das ist unsere Schau, und darauf sind wir stolz. Das Selbstwertgefühl der Bürger ist seitdem ein neues. Wir hatten damals eine unfassbare Zahl an Dauerkarten verkauft: Fast 7.000 – bei einer Einwohnerzahl von 9.000! Acht Tage, nachdem die Schau vorbei war, gründeten wir einen Förderverein. Zum ersten Treffen erschienen sage und schreibe 500 Menschen, die sagten: Wir wollen uns weiter beteiligen. Der Förderverein macht seitdem unter anderem unseren „Cooltour-Sommer“. 2017 war der Sänger Bata Illic da. 6.000 Menschen waren hier auf dem Platz, um ihn zu hören. Ich weiß gar nicht, wie alt er inzwischen ist. (lacht) Er hat bestimmt 1.000 Mal Michaela gesungen. Alt und Jung kamen zusammen, und alle waren begeistert. Mein Sohn ist Anfang 20 – er war hin und weg. Der Marktplatz ist das Wohnzimmer unserer Stadt. Der Fischhofpark mit der Brücke ist das neue Herz.

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