„Habt Mut zu Dingen, die nicht einfach aussehen“

Ortstermin Futurium, Berlin

Architekt Jan Musikowski (li.) und Roy Manke, Schüßler-Plan, vor der Fassade des Futuriums
Ein Gespräch mit Jan Musikowski, Partner im Architekturbüro Richter Musikowski, und Roy Manke, Geschäftsführer Schüßler-Plan, über die ausgetüftelte Konstruktion des Futuriums, den Moment, als sich die Statik umdrehte, und die Zukunft des Bauwesens


Im Berliner Regierungsviertel gibt es zahlreiche hervorstechende, teils riesige Gebäude. Das Futurium – obwohl nicht der größte Bau – ragt heraus. Wie haben Sie das geschafft, Herr Musikowski?
Jan Musikowski: Die Nutzung spielt eine wichtige Rolle. Wir haben ringsherum Büros mit den typischen Berliner Rasterfassaden, allesamt in den vergangenen fünf Jahren hochgezogen. Reine Verwaltungsbauten. Eine Monokultur, was wir etwas schade finden. Als Normalbürger kann man nicht hinein. Es gibt keine Cafés, keine Plätze, keinen Freiraum. Wenn man so will, ist das ein für die Öffentlichkeit verlorener Raum. Wir haben uns damals gesagt: Das Futurium hat eine öffentliche Aufgabe, es ist ein Museum, ein Veranstaltungsraum. Wir machen es anders als die anderen und sorgen zum Beispiel dafür, dass man im Freien sitzen kann. Wenn es regnet, hat man einen überdachten Bereich. Die Auskragungen haben wir vor allem deshalb gemacht, um möglichst viel im Obergeschoss unterbringen zu können und unten Freiraum zu bekommen.

Ab welchem Zeitpunkt haben Sie mit Schüßler-Plan zusammengearbeitet?
Jan Musikowski: Sehr früh. Der Architekturwettbewerb hatte mehr als 130 Teilnehmer. In der zweiten Runde waren es noch mehr als 30. Da waren richtig namhafte Büros dabei, zum Beispiel Zaha Hadid. Wenn man hier punkten will, sagten wir uns, müssen wir von Anfang an die Fachleute mit dabeihaben.

Warum?
Jan Musikowski: Im frühen Stadium ist die Materie sozusagen noch weich. Wenn Sie dann direkt ein Feedback vom Statiker bekommen, der sagt, okay, die Auskragungen gehen und dies könnte das statische Grundgerüst sein, kann man das in die weiteren Überlegungen einbauen. Je früher man weiß, was geht, umso kreativer kann man sein.
Roy Manke: Das ist deutlich besser, als zum Beispiel gigantische Auskragungen zu planen, die man später mit Stützen absichern muss. Es ist durchaus üblich, die Statiker früh einzubinden. Nicht zu vergessen die Haustechniker und Brandschutzplaner.

Wie sind Sie es angegangen, Herr Musikowski, einen Bau zu entwerfen, der anders ist als die anderen?
Jan Musikowski: Wichtig war zunächst, den Raum zu ordnen. Es gibt hier genau zwei Stadtströme. Das Spreeareal dort drüben mit dem Regierungsviertel, und auf der anderen Seite die Hochbahntrassen. Zwei Ströme, die an dem Haus vorbeilaufen. Das hat uns zu der Idee geführt, dass wir keine Lösung haben möchten mit einem einzigen Eingang. Wir haben das Gebäude deshalb auch hinten geöffnet, haben sowohl vorne als auch hinten – wo die Ströme verlaufen – Zugänge. Nächste Frage: Wie gestaltet man einen Zugang? Als Erstes kommt man hier auf einen Platz, als Zweites unter ein Vordach. In die anderen Häuser in der Umgebung geht man einfach rein – es gibt keinen Übergangsbereich, man ist draußen oder drin. Das war uns wichtig: einen Übergangsbereich zu haben, wo man im Sommer einen Kaffee trinken kann. Damit sich ein Dialog entwickeln kann und die Menschen einen Raum haben, um sich zu treffen.

Mit den Auskragungen und der schiefen Dachkonstruktion ist das Haus ein Hingucker. Gibt es, Herr Manke, ein Detail, das Sie besonders spannend finden?
Roy Manke: Wo man auch hinguckt: Man sieht, die Kollegen haben sich eine Menge Gedanken gemacht. Wie Sie es, Herr Musikowski, eben beschrieben haben: Ringsherum sieht alles ähnlich aus, aber dieses Haus ist einzigartig. Alles daran ist einzigartig, praktisch jedes Detail.

Welche großen Herausforderungen gab es für Sie beide?
Jan Musikowski: Wir haben anfangs viele Modelle gebaut, klassisch aus Kappaplatten, und schnell gemerkt, dass die Auskragungen wahnsinnig empfindlich sind.
Roy Manke: Verständlich. Die Wände sind nur 30 Zentimeter dick, und daran hängt die komplette Fassade samt den Auskragungen.
Jan Musikowski: Wir haben schon im Modell gemerkt: Solange das Dach nicht drauf ist, ist der Bau instabil. Die Konstruktionsfläche ist wahnsinnig dünn im Verhältnis zur Nutzfläche. Wir haben eine schlanke, optimierte Statik mit großen Spannweiten – es war eine Riesenaufgabe, das ingenieurtechnisch umzusetzen. Dass das so geht, wie wir uns das vorgestellt haben, hat uns komplett begeistert. Ich erinnere mich, wie wir zu Beginn Menschen in die Renderings gezeichnet hatten und dachten: Okay, das Gebäude kragt an dieser Stelle 18 Meter aus, und darüber ist die Ausstellungsfläche – schöne, große Räume mit so gut wie keinen Stützen und sechs Metern Höhe, was man nicht alle Tage hat. Da war uns doch etwas mulmig zumute, ob das so umzusetzen ist. Aber dann kam das Okay des Statikers.
Roy Manke: Die Auskragungen waren eine Herausforderung für die Tragwerksplanung. Weil es sie vorne und hinten gibt, haben wir ein nahezu perfektes Gleichgewicht.
Jan Musikowski: Das Gebäude ist wie eine Schale konstruiert. Die Enden sind mit Spannseilen zusammengebunden und auf Spannung gebracht, sodass sich die Schalenteile durch die Seile halten. Eine ausgetüftelte, ausbalancierte Konstruktion.
Roy Manke: An jeder Seite des Daches verlaufen auf einer Länge von 32 Metern Hohlkastenträger, die die Gesamtstabilität bringen. Das war schon außergewöhnlich, erst am Ende der Bauausführung eine Stabilität des Gebäudes zu haben. Eine Herausforderung waren aber auch die Bauzustände, um die Standsicherheit in kritischen Bauphasen zu gewährleisten.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als das Dach aufgesetzt wurde?
Jan Musikowski: Wir hatten alle fünf Meter Stahlbetonstützen unter den Auskragungen. Die Leute machten sich schon lustig: Aha, habt ihr es also doch nicht geschafft mit euren Auskragungen! (lacht) Wir blieben erst einmal zurückhaltend. Dann kam der Punkt, an dem das Gebäude komplett auf der Erde stand. Das Dach war fertig, und wir haben angefangen, die Stützen eine nach der anderen wegzusägen. Bei den letzten Stützen standen wir mit dem Statiker und dem Prüfstatiker daneben und haben geguckt. Denn da passierte Entscheidendes: Die Statik drehte sich um. Das Haus, das vorher auf dem Boden stand und dadurch Stabilität hatte, wurde auf einmal durch das Dach stabilisiert.

Dies ist ein Ort der Zukunft, und die Zukunft im Bauwesen ist eng mit BIM verknüpft, dem virtuellen Abbilden des gesamten Bauprozesses. Welche Rolle hat BIM bei dem Projekt gespielt?
Roy Manke: Wir haben anfangs mit CAD gearbeitet und BIM später nur für die Tragwerksplanung verwendet. Was BIM betrifft, war das für uns ein Pilotprojekt, bei dem wir wichtige Erfahrungen gesammelt haben. Aus heutiger Sicht ist man natürlich weiter. Heute arbeiten wir von Anfang an mit BIM.
Jan Musikowski: In frühen Leistungsphasen ist uns BIM zu sperrig. Man lädt das Modell mit Informationen voll, steckt aber noch mitten im kreativen Prozess und bekommt vom Bauherrn Anfragen wie zum Beispiel: Kannst du mal diesen oder jenen Raum so oder so machen? Das wird mit BIM schnell unhandlich, vor allem, wenn man mit schrägen Wänden und Elementen arbeitet, wie wir es getan haben. Es gibt zum Beispiel Elemente in der Haustechnik, die kann man gar nicht in BIM abbilden. Da fehlt noch ein Entwicklungsschritt. Deshalb hatten wir eine ganz klassische Planung.

Wenn Sie einmal nach vorne schauen: Wie sieht die Zukunft in Ihren Branchen aus?
Roy Manke: BIM bestimmt das Planungsgeschehen. Das merken wir in allen Bereichen. Ein anderer Aspekt: Vor fünf Jahren dachte ich, der
Hochbau ist der Vorreiter. Das hat sich nicht bewahrheitet – es ist die Infrastruktur. Oder nehmen Sie das Thema Baumaterialien – da ist viel passiert, und es wird weiter viel passieren. Stichwort Ausreizung von Materialien: neue Materialien und innovative Gebäudetechnik, wie hier zum Beispiel die Kältespeichertechnik. Ich wüsste nicht, wo die Kältespeichertechnik, die es im Futurium gibt, schon einmal eingesetzt wurde. Die Haustechnik wird innovativer und flexibler. Das ist wichtig, gerade wenn man so viel Freiraum hat wie im Futurium.
Jan Musikowski: Digitale Tools machen viele Optimierungen möglich. Die Lichtplanung an den Decken hier ist nur dank digitaler Werkzeuge möglich. Durch die digitale Technologie weiß man heute ganz genau, wie stark man Wände ausdünnen kann. Man kann exakter denn je berechnen, wo welche Bewehrungseinheit sein muss, wo ich welchen Kräfteverlauf habe.

Das heißt, dank digitaler Technologien weiß man besser, was alles geht und nicht geht?
Jan Musikowski: Genau. Das wäre unser Plädoyer an Architekten: Wie lässt sich aus dieser Entwicklung kreatives Potenzial schlagen? Habt Mut zu Dingen, die nicht einfach aussehen! Über den Tellerrand hinaus zu entwerfen, das Äußerste herauszukitzeln, ungewöhnliche Dinge zu wagen – das lohnt sich. Und es ist spannend.
Roy Manke: Der menschliche Aspekt darf dabei nicht verloren gehen. Die Menschen zusammenzubringen und gemeinsam mit allen Beteiligten die Dinge zu analysieren, ist das A und O.
Jan Musikowski: Obwohl es viele verschiedenen Interessen gab, was das Futurium angeht, konnten wir wunderbar miteinander reden. Man baut gemeinsam ein Haus, und bei allen Problemen, die der andere hat oder man selber hat, setzt man sich zusammen, hört zu und nimmt einander ernst. Das lässt sich durch keinen Mailverkehr ersetzen.

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